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za-lit007 ist eine Kurzgeschichte, die in der Wurstwarenabteilung einer fahl beleuchteten Kählvitrine spielt - wo sonst?
Wurstgespräche
Von Wurst zu Wurst
von Christoph P. Schütz


(Der gesamte Text ist abgedruckt. Alternativ dazu gibts in der Spalte rechts das Werk als pdf-Datei zum herunterladen.)


Eine Polnische und eine Brauschweiger lagen des Abends nebeneinander in der Kühlvitrine der Wurstwarenabteilung.
Die Polnische, leicht ranzig aber noch recht knackig, wollte mit der Braunschweiger über zeitgenössische Literatur diskutieren.
Die Braunschweiger, geräuchert und etwas zu fett, hätte sich eigentlich gerade lieber wortlos im fahlen Lichtschein der Wurstwarenabteilungs-Neonröhrenbeleuchtung gesonnt und dabei an Anekdoten aus ihrer Kindheit gedacht, doch ließ sie sich auf ein Gespräch mit der Polnischen ein. (Zu kurz war das Leben einer Wurst, um die kleine Freude, die einem aus einem anregenden Gespräch mit einer anderen Wurst erwachsen kann, abzuschlagen).
"Was hältst du eigentlich von Judith Hermann?", wurstelte es aus der Polnischen heraus.
"Noch nie gehört, den Namen.", verwürstelte die Braunschweiger unter ihrer Frischhaltefolie aus durchsichtigem Zellophan, "wer ist das?".
"Die soll angeblich ganz gute Kurzgeschichten schreiben."
"Aha?!"
[...] (wurstige Stille)
Der Polnischen war die Lust an einem Gespräch mit der Braunschweiger ziemlich schnell wieder vergangen - zu wurrschtig erschien ihr das Gehabe ihrer Wurstfreundin, die sich morgen vielleicht, in Scheiben geschnitten, zwischen den Hälften einer Semmel wiederfinden könnte - mit Essiggurkerl. Brrr!
Inzwischen war weiter unten in der Kühlvitrine eine Pikante abgelaufen.
Die Polnische sinnierte über Judith Hermanns Geschichte "kaltblau", die sie gern einmal lesen wollte.
Die Braunschweiger, etwas gehemmt ob ihrer Wissenslücke im Bereich zeitgenössischer Literatur, wartete noch immer auf den nächsten Satz der Polnischen.
Dabei fiel ihr Blick auf die Käsewurst, die friedlich neben einer Puten-Pariser schlief. Allerdings waren der Käsewurst Käse-Konglomerat-Kinder noch wach und tollten schreiend und quietschend beim gemeinsamen Fangen Spielen umher.
"Pssst!", zischte es aus der letzten Reihe im Wurstregal hervor. Eine Leberwurst im Fettmantel wollte ihre Ruhe haben, da sie unter starker Migräne litt.
"Geh, die sind doch noch jung, lass' sie sich ein bißchen austoben", wurstete eine alte Knacker zur Leberwurst, die jetzt gern ein Aspirin gehabt hätte. Deren pulsierender Fettmantel zeugte von deutlichem Wurststress.
Da gab ihr eine abgemagerte Schinkenwurst - völlig unaufgefordert und selbstlos - eine lindernde Rückenmassage, die die Leberwurst bitter nötig hatte.
Die alte Knackwurst nickte zufrieden.
Die Käsewurstschen Käse-Konglomerat-Kinder, die inzwischen zum Fangen Spielen aufgehört hatten, kuschelten sich in ihre Käsewurst-Löcher und warteten gespannt auf die Gute Nacht Geschichte der väterlichen Mailänder Salami.
Die Leberwurst schlief unter den wurstigen Berührungen der abgemagerten Schinkenwurst erschöpft aber erleichtert ein.
Die Polnische hatte ihre kurze Unterhaltung mit der Braunschweiger schon vergessen und sinnierte noch immer über Judith Hermanns literarisches Schaffen.
Die Braunschweiger jedoch fühlte sich ein bißchen vernachlässigt und schmiedete den Plan sich gleich morgen an der Uni für neue deutsche Philologie inskribieren zu gehen.
So könnte sie der Polnischen in Gesprächen über zeitgenössische Literatur Paroli bieten und müsste nicht warten, bis eine andere Wurst mit ihr eine Unterhaltung anfinge.
Wenn sie nur nicht bald in Scheiben geschnitten zwischen den Hälften einer Semmel läge, begraben unter einem Essiggurkerl. Brrr!



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