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za-lit005 wurde 1997 verfasst und lässt einen gewissen Keller, der wohl unbewußt einen Aspekt des Unterbewußtseins des Autors darstellt, der sich zum Zeitpunkt des Verfassens wohl in demselben befand, sein Leid klagen.
Des Kellers Leid
von Veit Angermeier


(Der gesamte Text ist abgedruckt. Alternativ dazu gibts in der Spalte rechts das Werk als pdf-Datei zum herunterladen.)


Ich bin leer wie ein knurrender Magen, aber das Problem ist, ich knurre nicht einmal, denn dann wäre ich wenigstens für diejenigen interessant, die sich gern fürchten. Daß ich so leer bin, liegt wahrscheinlich an den Fenstern, die, wie viereckige Bullaugen in die Mauer gebohrt, mein Inneres zu einer Gefängniszelle machen. Denn es ist besser gar kein Licht zu empfangen, als nur Streifen matten Sonnenscheins aufzunehmen. Und auch, wenn ein größeres Fenster in einem meiner Nebenräume, die wie unförmige Auswüchse an meinen Körper angefügt sind, mehr Licht hereinlässt, so wirkt es durch die Gitterstäbe doch so, als ob die Freiheit nicht hereinkann um mein Inneres zu erfüllen.
Schon mein Eingang durchzieht jedes Menschen Seele mit einem leichten Unwohlsein: Erst die knarrende alte Holztüre, die sich jedem nur widerwillig öffnet, dann die wie von Wasser abgeschliffene ungleichmäßige Steintreppe, die schon so manchen Greis zum Umkehren bewogen hat, und dann steht man in einem dieser meiner räumlichen Auswüchse: eng, stickig, modrig, dunkel und unangenehm.
Abweisende Asche strömt einem aus dem Rachen des Drachen entgegen; wahrlich so könnte der Eingang in meinen Hauptraum auf die vereinzelten Besucher wirken.
Oh hätte mich doch jemals jemand in anderem Lichte gesehen. Beleuchtet und gestylt, wie es jedes Wohnzimmer ist. Ach ich wäre schon mit der einfachen Ausstattung eines schmucken Kinderzimmers zufrieden. Und ich hätte doch soviel zu bieten: Tolles Gewölbe, großer Hauptraum, mehrere Praktische Nebenräume,...
Man könnte mich als Hobbyraum benutzen, oder als Heimwerkerwerkstatt, auch als einfacher Vorratsraum, ja, sogar für verschiedenste Veranstaltungen wie Bälle, Konzerte, Parties bin ich geeignet. Ihr seht schon, ich wäre vielseitig verwendbar. Aber stattdessen friste ich mein langes monotones Leben als simpler Abstell- und Leerraum.
Jetzt könnte einer kommen und sagen: „Das glaube ich nicht, so leblos kannst du gar nicht sein!“ Ja, der hat gut reden. Er ist bestimmt irgendein dahergelaufener Vorraum, durch den ständig Menschen wie durch mich Mäuse laufen. Ja, die grauen Mäuse sind die einzigen, die Mitleid haben, mit einem ungeliebten verstoßenen Teil eines Ganzen. Sie leisten mir Gesellschaft, fliehen nicht vor der bedrückenden Dunkelheit, die sich wie Nebel in mich legt.
Und ihnen müssen alle dankbar sein, denn ohne sie hätte ich wohl schon längst Selbstmord begangen ... und ich vermute, jeder weiß, wie sich das auf den Rest eines Gebäudes auswirkt.


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