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"Petri Unheil" als pdf-Download

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za-lit002 stammt aus dem Jahr 1996 und ist u.a. für ein Mädchen geschrieben worden, in das der Autor verliebt war, wurde Jahre später von einer Literatur- kritikerin zerrissen ("autobahnartig linear ins Destruktive", "eine monochromatische Verderb- lichkeit", "Unfug"), ge- fiel aber damals der Angebeteten.
Petri Umheil. Eine Anglertragödie.
von Christoph P. Schütz


(Der gesamte Text ist abgedruckt. Alternativ dazu gibts in der Spalte rechts das Werk als pdf-Datei zum herunterladen.)


Viel gibt es nicht darüber zu sagen, doch das wenige was mir bleibt, das woran ich mich erinnern kann, möchte ich Dir erzählen:

Friedlich hockte Marti auf seinem aufklappbaren Campingsessel und kaute an einem Halm des Wohlginsters, während die lange, leicht gebogene Angelrute aus Holz auf zwei in die Erde gepflockten Astgabeln darauf wartete, von ihrem Besitzer liebevoll genommen zu werden. Sonnig und mild war der fröhliche Ausdruck dieses Morgens eines wundervollen Tages, vielleicht des schönsten im heurigen Jahr überhaupt. Alles erblühte und schien sich seines Daseins zu (er)freuen.
Da waren z.B. die lustigen Feuerwanzen, die neben Martis linkem Schuh umher tollten, von denen die eine oder andere schon auf dessen Sohle klebte, weil sie in ihrer Übermütigkeit nicht auf den herabkommenden Treter geachtet hatte.
Weiters waren da noch die sich paarenden Schmetterlinge mit ihren fetten, aufgeblähten Leibern, die keck mit den Fühlern wackelten, derweilen sie frivol ineinander flatterten. Über Martis Kopf pumpte gerade eine häßliche Spinne ihr Gift in ein junges Bienchen, das ganz verzweifelt "Sum-Sum" machte, bis es endlich gelähmt wurde und verstummen musste.
Marti bekam von all dem Naturzauber nichts mit - mit Ausnahme der zwei stinkenden Fleischfliegenbrüder Ewald und Jochen, die sich zuvor auf dem Eingeweidesack eines Igelkadavers gesonnt hatten, jetzt beim Ohr des Anglers wüteten und ihn notgedrungen dabei kitzelten, dafür aber jedesmal von des Buben Hand verscheucht wurden.
Marti träumte vor sich hin und war mit seinen Gedanken ganz woanders.
Und zwar bei Gusbertha.
Gusbertha hatte es ihm angetan.
Das stämmige, immer Zöpfe tragende, ordinäre Mädchen mit der platten Schweinchennase war sein Schatz. Auch wenn sie nichts davon wissen wollte, weil ihr eigentlich nur drei Dinge im Leben wichtig waren: Fressen (und nicht anders konnte man es bei ihr nennen) war das Eine, Fingernägelkauen das Andere, und Nasenbohren das Dritte. Wobei sie letzteres manchmal mit dem ersten verband oder zumindest beim Knabbern ihrer Nägel die darunter zurückbliebenen Rückstände ihrer Popelakte aufnahm, sprich: auf irgendeine Art und Weise verzehrte.
Kurz gesagt: Gusbertha war saugrindig - aber sie hatte Marti betört und war jetzt im Mittelpunkt seiner Gedankenwelt.
Er malte sich gerade aus was für tolle Sachen er mit seiner Auserwählten anstellen-, wie er bei ihr der Kavalier sein- und dann bei des Mädchens Eltern um ihre Hand bitten würde.
Inzwischen war der Köder (eine verkrüppelte, alte Heuschrecke) auf dem Haken an der Angelschnur schon baden gegangen - das heißt, Sprösslinge einer Hechtfamilie haben ihn von seinem Spieß gerissen, zerfetzt, zerstückelt und aufgefressen.
Außerdem versuchte sich der Holzwurm Fritz ein wenig unbeholfen in den Griff der Angelrute zu bohren - doch niemand wollte ihm Beachtung schenken.
Marti blickte kurz auf weil er irgendwoher ein Knacksen und Knistern vernommen hatte, doch es war zu spät für den Verträumten, denn schon hatte ihn die morsche Trauerweide, die soeben noch hinter ihm gestanden war, erschlagen und unter sich begraben.
Lang wäre sie ohnehin nicht mehr stehen geblieben; ihre Wurzelfüße waren ja nur mehr ein Häufchen Elend, und früher oder später hätte sich die alte Trauerweide der Gewalt der Natur ergeben müssen.
Marti lag nun leblos in die Erde gedrückt, doch war er mit den schönsten Gedanken, die er sich hatte vorstellen können, gestorben, und deshalb sollte niemand um ihn trauern.

Gusbertha lutschte gerade an einer pechschwarzen Lakritzstange als sie von dem Unfall erfuhr. Sie kratzte sich am von zerlaustem Haar überwucherten Kopf und schob die Süßigkeit noch tiefer in ihren sabbrigen Mund.


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